zum Inhalt springen

Im Sommersemester veranstalten wir drei Veranstaltungen zum Thema "Bildung im Neoliberalismus":

Zu den zentralen Säulen des Neoliberalismus zählen die Liberalisierung des Handels, die Privatisierung des öffentlichen Sektors und der Abbau sozialer Leistungen: Während sich spätestens seit der finanzbasierten Krise des Kapitalismus, diese Logik als Ideologie entlarvt hat, sind die Bildungsinstitutionen und der Subjektbegriff nach wie vor dem neoliberalen Sog und dessen Folgen unterworfen. Nicht nur für die Einzelnen gilt es möglichst kreativ, fit, flexibel oder unternehmerisch zu sein und zu handeln, auch werden mehr und mehr Abläufe in der Schule betriebswirtschaftlich organisiert, evaluiert und Mechanismen der indirekten Steuerung unterworfen. Durch die Imperative des Marktes sind die Schülerinnen und Schüler dazu angehalten, die eigene Anwendbarkeit als Humankapital auf dem Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Die Entwicklung spiegelt sich nicht zuletzt in der Reduktion des Bildungsbegriffs und dem Paradigmenwechsel der Kompetenzorientierung wider.

Diese Tendenzen haben Folgen für einen kritischen Begriff von Gesellschaft: Denn dem Neoliberalismus gilt Gesellschaft als ein irrationales, undurchschaubares Ganzes. In den Worten Margaret Thatchers existiert diese überhaupt nicht, sondern nur noch Individuen. Damit werden die Subjekt nicht nur zu gesellschaftlichen Analphabeten, die sich undurchschaubaren Zwängen, blind unterwerfen müssen; auch werden gesellschaftliche und strukturelle Ursachen von Problemen individualisiert und einer gemeinsamen Verantwortung entzogen.
Mit diesen gesellschaftlichen Entwicklungen und pädagogischen Folgen möchten wir uns im Rahmen unserer Vortragseihe "Bildung im Neoliberalismus" anhand von drei Veranstaltungen kritisch auseinandersetzen:

Termine:

Resilienz – Eine Herausforderung für die kritische Pädagogik

Vortrag und Diskussion mit Prof Dr. Eva Borst

In den letzten Jahren hat der Begriff „Resilienz“ (psychische Widerstandskraft) Eingang in den erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Diskurs gefunden. Der ursprünglich aus der Psychopathologie stammende Begriff wird nunmehr auf Erziehungs- und Bildungsprozesse angewandt, um Kinder für zukünftige traumatische Ereignisse zu immunisieren. Resilienz wird im Zuge dieser Umdeutung zu einem vermeintlichen Bollwerk gegen alle Arten gesellschaftlicher Zwänge, die als solche nicht mehr wahrgenommen werden können und gegen die infolgedessen auch kein Widerstand mehr möglich zu sein scheint. Kinder sollen in der Schule Resilienzkompetenz entwickeln, die sich aber, was zu zeigen sein wird, gegen ihr eigenes selbst richtet. Besonders problematisch in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass das "Weißbuch der Bundeswehr" von 2016 den Begriff im Kontext eines Bedrohungsszenariums aufgreift.

Prof. Dr. Eva Borst ist Privatdozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

 

06.06.  - 19 Uhr 

Ort: H 121 (1.Stock) im Hauptgebäude der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln

https://www.facebook.com/events/611418129193340/

 

Widersprüchliche Adoleszenz - prekäre Triangulierung

Vortrag und Diskussion mit Dr. Lutz Eichler

Von der Krippe bis zur Promotion sind unsere höchsten Bildungsziele kommunikativer Austausch, Toleranz und Wertschätzung. Schultypen, Unterrichtsformen, Didaktiken usw. orientieren sich an Methoden, die Emanzipation, Demokratie und Autonomie fördern sollen. Dank Bildungsexpansion verweilen wir auch immer länger im Bildungsmoratorium, in dem wir autonome Handlungsräume haben und lernen kritisch zu hinterfragen und kreativ umzugestalten. Eigentlich dürfte dem kommunikativ-kompetenten BürgerInnen und somit einer besseren Gesellschaft nichts im Wege stehen.
Trotz manch gegenteiliger Schlagzeile neigt allerdings eine große Zahl von Jugendlichen heute zu konservativen bis autoritären politischen Orientierungen. Warum ist das so? Warum scheitern eigentlich unsere wohl überlegten und gut gemeinten freiheitlich-demokratische Bildungsziele so oft?

Im Vortrag wird dieses problem mit Hilfe einer sozialpsychologisch informierten Adoleszenztheorie angegangen. Die These ist, dass durch die Ökonomisierung der Adoleszenz ein Klima emotionaler Verunsicherung entsteht, die von den vulnerableren Jugendlichen unter Rückgriff auf autoritäre und/oder statuserhaltende Muster des Denkens, Handelns und Fühlens kompensiert werden.

Dr. Lutz Eichler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie an der Uni Erlangen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeur in Weiterbildung, tätig in der psychiatrischen Ambulanz der vitos-Klinik in Herborn.

Veröffentlichungen: System und Selbst. transcript Verlag 2013,Distinktive Selbstverwirklichung. In: Soziale Welt, 66(3), 2015, 389–409, zus. mit Andreas Fischer

20.06. 19 Uhr
Ort: H 121 (1.Stock) im Hauptgebäude der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln

https://www.facebook.com/events/164536120893927/

 

Wider die neoliberale Mystifizierung des Bildungsbetriebs.

Ein Plädoyer für die pädagogische Kategorie des Verstehens
im vermeintlichen „Kompetenzzeitalter“

Vortrag und Diskussion mit Prof Dr. Euler

Der Neoliberalismus hat mittlerweile nahezu alle staatlichen Zuständigkeiten einer wettbewerbsorientierten Reform (häufig verkürzt als „Ökonomisierung“ bezeichnet) unterzogen, auch das Bildungswesen. Dadurch erfolgt eine Eliminierung des genuinen Charakters von Bildung und Pädagogik, was sich auch in massiven Umsteuerungen der zuständigen Erziehungswissenschaft bemerkbar macht. Angesichts der neuen vermeintlich wissenschaftlich gedeckten Umsteuerung im Bildungswesen soll der Eindruck erweckt werden, Pädagogik sei veraltet oder sogar vorwissenschaftlich, womit allerdings faktisch ein enormer Verlust an pädagogischem Wissen und pädagogischer Haltung einhergeht.

In diesem Prozess hat der Begriff der Kompetenz nahezu mystischen Charakter bekommen, z.T. auch auf Seiten der Kritiker, der nicht selten in der Formel gipfelt: „Bildung versus Kompetenz“. Um der Mystifizierung nicht zu erliegen, rückt der Vortrag die gegenwärtigen Entwicklungen in eine historisch-systematische Perspektive, die Bildung und Pädagogik im Widerspruch und eben auch als Widerspruch innerhalb der bürgerlich-kapitalistische<wbr />r Gesellschaft zu begreifen erlaubt.

Über diese Analyse kann innerhalb des der bürgerlichen Bildung eigenen Widerspruchs von „Integration und Subversion“ (Gernot Koneffke), der steigende Druck auf allen Ebenen des Bildungsbereichs identifiziert werden, der darauf zielt, diesen gänzlich der Kapitalisierung aller Lebensbereiche zu unterwerfen. Aber genau hier bricht das Widersprechende in dieser Integrationsstrategie durch Bildung auf, nämlich im, wie immer auch wieder verfehlten und faktisch verweigerten Anspruch, allgemeine Bildung als pädagogisch zu initiierendes Verstehen von Ich und Welt zu ermöglichen. Daher versucht der Vortrag auch am Ende die Ungereimtheiten und Selbstwidersprüche der sog. Kompetenzorientierung an einem Beispiel freizulegen und damit zugleich auch die Bedingungen in der pädagogischen Praxis zu benennen, um diese Widersprüche pädagogisch produktiv machen zu können. Politische Kritik an den Reformen und praktisch-pädagogische Einsprüche gehören zusammen.

05.07 19 Uhr

https://www.facebook.com/events/742958272576211/