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Veranstaltungsreihe „Bildung & Emanzipation“

Bildung und Emanzipation – Veranstaltungsreihe

Für das Sommersemester 2017 haben wir die Veranstaltungsreihe „Bildung & Emanzipation“ organisiert, in der wir uns mit emanzipatorischer Bildung auseinandersetzen wollen. Dabei soll die Bildungisdee als Verwirklichung emanzipativer Subjektwerdung, Bewusstwerdung des Menschen selbst und der gesellschaftlichen Verhältnisse dargelegt werden. Ein Blick in die Bildungsinstitutionen verrät, dass die dortige Praxis mit diesem emanzipatorischen Anspruch unvereinbar ist.

Doch warum nehmen wir heute nur noch die Verfallserscheinungen des Bildungsideals wahr? Wir wollen Ursachen und Bedingungen dafür untersuchen und kritisch reflektieren. Welche Rolle spielen gesellschaftliche Zwänge und der Wettbewerb in Schule und Universität? Welches Potential birgt der Bildungsbegriff noch heute? Der Markt gilt in der aktuellen Bildungsdebatte als Garant für eine bessere Bildung. Die Vorstellung von Output-orientiertem Lernen, der Kompetenz-Wahn und die Entwicklung zur unternehmerischen Hochschule machen deutlich, dass Wissen und Bildung auf instrumentell anwendbare Fähigkeiten und Inhalte reduziert wird. Wir wollen die gesellschaftlich-politischen Prozesse analysieren, kritisieren und über Möglichkeiten und Bedingungen einer emanzipatorischen Bildung diskutieren.
Als Referent*innen der Reihe konnten wir Daniel Burghardt, Freerk Husiken, Caroline Butterwegge und Gerhard Stapelfeldt gewinnen.

Herzlich laden wir euch ein, mit uns zu diskutieren:

Die Veranstaltungen finden an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln statt und stehen allen interessierten Menschen offen.


 

23.05.2017

Bildung, Wahn, Gesellschaft:
Analyse und Kritik des Bildungsbegriffs
 Vortrag und Diskussion mit Daniel Burghardt
 
Der Vortrag skizziert den Bildungsbegriff von seinen Anfängen bis zu seinen neoliberalen Verfallserscheinungen: Dabei werden sowohl einzelne Konzepte (von Humboldt über Adorno und Heydorn bis Foucault) vorgestellt, als auch gemeinsame und gesellschaftliche Bestimmungs- und Widerspruchsmomente nachvollzogen.
 
Daniel Burghardt, Dr. phil. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne an der Universität zu Köln. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Kritische Pädagogik und Psychoanalytische Pädagogik.
https://www.facebook.com/events/1310559275657876/
 
 Veranstaltungsort: H 123 im HF-Hauptgebäude

01.06.2017
Noten, Punkte, Zensuren, Zeugnisse:
Jeder kritisiert sie, keiner will sie wirklich abschaffen!
Zur Kritik des schulischen Sortierungswahns
Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken
 
Was auch kein Wunder ist, denn alle gängigen Beschwerden über die Ziffernnoten in der Schule nehmen Partei für den Zweck, dem sie dienen:
Wer Noten für wenig aussagekräftig hält, der will die schulische Herstellung von Unterschieden zwischen den Schülern nicht angreifen, sondern nur besser begründen.
Wer die Ziffernnoten mit ihrem Raster von 1 bis 6 für zu grob erklärt, der möchte die Sortierung des Nachwuchses nach Gymnasium und Restschulen nicht kritisieren, sondern bis auf zwei Stellen nach dem Komma genau ausrechnen.
Wer die Notengebung für ungerecht erachtet, der hat nicht etwa entdeckt, dass bei ihr die individuelle Leistung gar nicht für sich beurteilt wird, sondern der ist erst zufrieden, wenn jeder Schüler zufrieden ist, d.h. sich einbildet, seine Note würde seine Leistung gerecht ausdrücken.
Wer die prognostische Funktion der Notengebung bezweifelt, der hat nichts dagegen, dass mit ihrer Hilfe immer noch knapp der größte Teil des Nachwuchses von weiterführender Bildung ausgeschlossen wird, sondern der stört sich allein daran, dass dennoch immer wieder etliche der Schulsieger auf dem Gymnasium vorzeitig das Handtuch werfen – und damit auch noch der Schulpolitik unproduktive Kosten bereiten.
Und wer schließlich den durch Notengebung erzeugten Konkurrenzdruck beklagt, der stellt sich glatt die Zensuren ohne Konkurrenz vor: Wie soll denn ein Lernen für Noten, das jeden Schüler zwingt, besser zu sein als seine Mitschüler; das ihn dazu anhält, sie auszustechen, ihnen den Schulerfolg, den man selber erkämpfen will, zu bestreiten und zwar mit allen hässlichen, aber in der Konkurrenz üblichen Mobbing- und sonstigen Techniken;….wie soll das alles ohne Konkurrenz und den Druck, der nun einmal dazu gehört, veranstaltet werden?
 
Warum das so ist und warum sich daran auch bei all den Schulreformen, die Noten und Zeugnisse durch irgendeine schriftliche Form der „Leistungsbeurteilung“ ersetzen, nichts geändert hat, das lernen angehende Lehrer nicht. Sie werden eben nur darauf vorbereitet, es zu machen – per diagnostisch ausgefeilter Notengebung Schicksal spielen. Und dabei dürfen sie ganz fürchterlich auf die Notengebung schimpfen. Das haben sie im Studium gelernt. Im Job lernen sie dann noch die nächste Lehrerkritik an den Noten: Die Zensurengebung würde sie daran hindern, ihrer eigentlichen Profession, der Erziehung und Bildung, nachzugehen. Von wegen „hindern“! Die Verteilung des Nachwuchses auf die ganz gegensätzlichen Karrieren der Klassengesellschaft ist zentraler Gehalt von Erziehung und Bildung in der hiesigen Staatsschule.
 
Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Bildung & Emanzipation“
https://de-de.facebook.com/events/256596108082251/
 
Ort: H 121 im HF-Hauptgebäude

13.06.2017

Bildungsungleichheit im deutschen Bildungssystem
Vortrag und Diskussion mit Dr. Carolin Butterwegge
 
Im Oktober 2016 schreibt der Mannheimer Soziologe Harmut Esser in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Erstaunliches. Das von Bildungsforscher_innen und Pädagog_innen viel kritisierte deutsche Bildungssystem sei gar kein Aufstiegshindernis für junge Migranten. Eine systematische Benachteiligung sei nicht erkennbar [1].
 
In dem Vortrag soll es um den tatsächlichen Stand der Benachteiligung und um die Aufstiegschancen von Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten – im speziellen Migranten – im deutschen Bildungssystem gehen. Dabei soll der Fokus auf der Stigmatisierung und institutionellen Diskriminierung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen im sowohl im deutschen Bildungssystem allgemein, als auch konkret in der Kölner Bildungslandschaft gehen. Welche aktuellen Entwicklungen sind zu erkennen? Welche politischen Ansätze zum Umgang mit dem Problem sind zu beobachten? In einem weiteren Rahmen soll es schließlich um die Fragen der Chancengleichheit gehen.
 
Dr. Carolin Butterwegge war kinder- und landespolitische Sprecherin im Parteivorstand der Partei DIE LINKE. Von 2010 bis 2012 saß sie für DIE LINKE im nordrhein-westfälischen Landtag. 2009 legte sie ihre Promotion über Armut von Kindern mit Migrationshintergrund an der Universität Duisburg-Essen nieder. Aktuell lehrt sie an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln im Bereich „Erziehungs- und Sozialwissenschaften – Internationale Lehr-/ Lernforschung”.
 
[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/schulsystem-der-mythos-der-bildungsungleichheit-ist-falsch-14488602.html
https://www.facebook.com/events/993636267433141/
 
Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Bildung & Emanzipation“ und findet in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stipendiaten Gruppe Köln statt.
Ort: H123 im HF-Hauptgebäude

28.06.2017
Kritik der neoliberalen Universität
Vortrag und Diskussion mit Gerhard Stapelfeldt
Bildung, einst die Utopie der Emanzipation, ist unter dem Neoliberalismus zur Einübung eines autoritären Verhaltens und eines gesellschaftlichen An­alphabetismus verkommen.
Die Utopie der Bildung versprach ursprünglich, daß der Mensch durch seinen Aufstieg zur Gottesebenbildlichkeit sich selbst und seine Welt durch Ver­nunft zu bilden vermöchte: einem Bildhauer gleich. Bildung ist: höchste theoretische Einsicht in die Welt als Ganze, praktische Verwirklichung des Menschen als Menschen, der Gesellschaft als eines vernünftigen „Vereins freier Menschen“ – so daß der Mensch sich seiner selbst und seiner Verhält­nisse bewußt ist. Als Prozeß ist Bildung: Kritik des herrschenden Bewußt­seins, praktische Kritik der herrschenden Verhältnisse – Aufklärung durch das „Ändern der Umstände“ und „Selbstveränderung“ ineins (Marx: 3. These ad Feuerbach). Diese Utopie wurde geboren in der griechischen Antike, auf­genommen und radikalisiert in der Renaissance, leitende Utopie in der Epo­che der liberalen Aufklärung – um am Ende des 19. Jahrhunderts in der Aus­bildung von Menschen zu Maschinenmenschen in einer Maschinengesell­schaft unterzugehen. Die theoretische und praktische Negation der Utopien der Bildung: des gebildeten Individuums und der vernünftigen Gesellschaft, hat seitdem einige Stadien durchlaufen bis hin zum herrschenden allgemei­nen Irrationalismus, dem die gesellschaftliche Welt als unbegreifbar gilt.
Die neueste Gestalt der Negation dieser Utopien durch den gesellschaftlichen Fetischismus ist der zur Globalisierung verallgemeinerte Neoliberalismus: die neoliberale Wissensgesellschaft, die sich durch die neoliberale Univer­sität reproduziert. In ihr wird der Wettbewerb eines jeden gegen jeden, die Selbstvermarktung eines jeden eingeübt, so daß sich jeder zum Mittel für fremde Zwecke formt. Nicht Nächstenliebe, nicht weltbürgerliche sympa­theia, nicht Solidarität, sondern der Kampf eines jeden gegen jeden ist das Programm. Darum galt schon um 1970 der Wettbewerb im ‚Bildungssystem’ als ein jeder „humanen Erziehung entgegengesetztes Prinzip“ (Hellmut Becker, Th. W. Adorno: Erziehung zur Entbarbarisierung. 1968)
 
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt. Er lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für So­ziologie der Universität Hamburg und arbeitet seitdem als freier Schriftsteller in Hamburg.
 
https://www.facebook.com/events/1242233735872778/
Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Bildung & Emanzipation“
Ort: H 123 im HF-Hauptgebäude